Wiederaufforstung und Wasserwirtschaft in den Anden
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Die Anden neu beleben - Warum lokale Bäume das Ökosystem stärken

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.

Matthias Claudius,
Deutscher Dichter und Journalist
Quelle: Kalliope

Im Rahmen eines Auslandssemesters engagierte sich David Jung aus dem Studiengang Bauingenieurwesen mit Spezialisierung im #zukunftsthema #wasser neben seinen Vorlesungen an der Tecnológico de Monterrey in Mexiko (einer der Partnerhochschulen der HFT Stuttgart) auch in einem Wiederaufforstungsprojekt in den Anden. 

In seinem nachfolgenden Erfahrungsbericht nimmt uns Herr Jung mit in die spannenden Details des Aufforstungsprojektes und erläutert neben generellen Herausforderungen in der Region besonders spezifische wasserwirtschaftliche Themen. Abschließend zeigt Herr Jung die Ergebnisse und erläutert die positiven Auswirkungen des Projekts auf den Wasserhaushalt und das gesamte Ökosystem.

In einem Bergdorf in den Anden Ecuadors…

Wir befinden uns in einem kleinen Bergdorf in den ecuadorianischen Anden mit etwa 300 Einwohnern. Das Klima erinnert überraschend stark an jenes Mitteleuropas. Würde einem hier nicht so rasch die dünne Luft bewusst, ließe kaum etwas darauf schließen, dass man sich auf rund dreitausend Metern über dem Meeresspiegel befindet. 

Lässt man den Blick schweifen, so entdeckt man am Horizont einen schneebedeckten Gipfel, der markant aus der Landschaft herausragt: Der Chimborazo, der Punkt der Erde, der der Sonne am nächsten ist. Mit seinen 6.263 Metern Höhe bleibt er zwar hinter bekannten Riesen wie dem Mount Everest zurück, doch seine Lage am Äquator bringt ihn durch die Ausdehnung der Erde der Sonne näher als jeder andere Berg auf der Welt.

Die Herausforderungen…

Die Region um das kleine Bergdorf in den ecuadorianischen Anden ist geprägt von einem gemäßigten Klima, das sich durch konstante Tagestemperaturen zwischen 15 und 25 Grad Celsius auszeichnet – Jahreszeiten, wie man sie aus Europa kennt, gibt es hier nicht. 

Stattdessen bestimmen Trocken- und Regenzeiten den Rhythmus des Lebens. Grundsätzlich ist das ganze Jahr über Wasser verfügbar, wobei die Verteilung und Bereitstellung eine ständige Herausforderung bleibt.

Um die Bewässerung der Anbauflächen zu sichern, werden Wasserleitungen von den bergseitigen Zisternen bis auf die Felder geführt. Große Maschinen kommen hier nur selten zum Einsatz. Stattdessen werden die notwendigen Erdarbeiten – etwa das Ausheben von Gräben für die Leitungsführung oder der Bau einfacher Brücken zur Überquerung von Wegen – traditionell im Rahmen von sogenannten „Mingas“ realisiert. Bei diesen gemeinschaftlichen Arbeitseinsätzen bringt jede Familie der Dorfgemeinschaft mindestens eine Person ein, um das Projekt mit klassischen Werkzeugen wie Spaten, Schaufel, Pickel und Hake gemeinsam umzusetzen. Fast alle Arbeitsschritte werden dabei von Hand ausgeführt.

Bei anderen „Mingas“ besteht die Aufgabe darin, die Entwässerungsgräben von Müll, Ästen und Reisig zu befreien, um Überschwemmungen und die Verschmutzung der Straßen in der Regenzeit zu vermeiden. Dabei ist es gängige Praxis, den anfallenden Plastikmüll gemeinsam mit organischem Material direkt vor Ort im Graben zu verbrennen. Trotz der entstehenden Rauchschwaden und freigesetzten giftigen Gase wird die Arbeit unbeirrt fortgesetzt. Die Asche und Überreste der Verbrennung verbleiben schließlich im Graben und werden der Umgebung überlassen. Diese Vorgehensweise ist jedoch problematisch, denn Rückstände wie unverbrannte Kunststoffpartikel und Asche gelangen mit dem Wasser in die Umwelt, darunter auch Mikroplastik, das langfristig Gewässer und Böden belastet.

Das allgegenwärtige Müllproblem in der Region ist Ausdruck eines komplexen, infrastrukturellen Mangels und zeigt, dass der Umgang mit Abfall und dessen Folgen für die Umwelt noch nicht ausreichend geregelt ist. Müll liegt oftmals unkontrolliert in der Landschaft und beeinträchtigt die natürlichen Entwässerungssysteme. Das Wasser kann so nicht ungehindert abfließen, was Überschwemmungen und Verunreinigungen begünstigt. Die tieferliegenden Herausforderungen für den Wasserhaushalt der Region lassen sich jedoch nicht allein auf diese aktuellen Probleme reduzieren.

Der Ursprung vieler der heutigen Herausforderungen im Wasserhaushalt und der Vegetation der Region liegt bereits in der Ankunft der spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert. Um ihre Haciendas zu errichten und Ackerbau zu betreiben, rodeten sie große Flächen der ursprünglich bewaldeten Landschaft.

Dabei wurden die an das lokale Klima und die Wasserverhältnisse angepassten heimischen Baumarten weitgehend verdrängt und durch den eingeführten Eukalyptus ersetzt, der ursprünglich aus Australien stammt. Dieser Baum wurde vor allem wegen seines schnellen Wachstums und der hohen Holzproduktion geschätzt.

Dieser Baum bringt jedoch einen erheblichen Nachteil mit sich: Eukalyptusbäume verbrauchen viel mehr Wasser als die einheimischen Arten, was zu einem starken Rückgang der Grundwasserspiegel führt. In der Folge trocknen die Böden aus und werden anfälliger für Erosion, wodurch die Fruchtbarkeit und Stabilität der Landschaft leidet. Gleichzeitig verschlechtert sich die Biodiversität, da viele Pflanzen- und Tierarten auf die ursprünglichen Feuchtgebiete und Wälder angewiesen sind, die durch die großflächigen Eukalyptus-Monokulturen zunehmend verdrängt wurden. Hinzu kommt, dass der Eukalyptus eine außergewöhnlich hohe Reproduktions- und Wachstumsrate besitzt und sich selbständig im Gelände ausbreitet. Dabei entzieht er dem Boden kontinuierlich große Mengen Wasser, was die negativen ökologischen Effekte zusätzlich verstärkt.

Besonders deutlich zeigt sich die Problematik der Bodenerosion am Übergang von Trockenzeit zu Regenzeit. In dieser Phase ist der ausgetrocknete Boden meist brüchig und kaum in der Lage, die teils heftigen Niederschläge aufzunehmen, wodurch starke Erosionsprozesse einsetzen. Die fehlende Vegetation verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Um die Befahrbarkeit der unbefestigten Erschließungsstraßen auch während der Regenzeit zu gewährleisten, wurden in der Region Entwässerungsgräben angelegt, die das Wasser gezielt ableiten und so helfen, die Schäden durch Bodenauswaschungen einzudämmen.

Das Wiederaufforstungsprojekt…

Die Veränderung des Wasserhaushalts in den ecuadorianischen Anden macht deutlich, welchen Einfluss die Umgestaltung der Landschaft durch den Menschen auf die lokale Umwelt hat. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, entstand in der Region ein Wiederaufforstungsprojekt, das gemeinsam mit einer engagierten Gruppe von Freiwilligen vor Ort durchgeführt wurde. 

Das Projekt konzentrierte sich auf die Hänge rund um das Bergdorf und begann mit der umfassenden Kontrolle der bereits gepflanzten Bäume. Dabei wurde insbesondere darauf geachtet, diese Jungpflanzen von überwucherndem Unkraut zu befreien und ihnen so bessere Voraussetzungen für ein gesundes Wachstum zu bieten. Für die Neupflanzungen wurden Löcher ausgehoben, in die sorgfältig Humus eingearbeitet wurde – gewonnen aus den Küchenabfällen der Dorfbewohner, sodass die lokale Kreislaufwirtschaft gestärkt werden konnte. Um die Bodeneigenschaften weiter zu verbessern und die Feuchtigkeit im Erdreich zu halten, wurde die Erde rund um die frischen Baumsetzlinge mit Laub bedeckt.

Bei der Pflege der bereits im Vorjahr gepflanzten Setzlinge wurden auch solche gefunden, welche es nicht geschafft hatten in ihrer neuen Umwelt zu überleben. Diese wurden gezählt um zu ermitteln mit welcher Rate die Setzlinge an diesem Hang das erste Jahr überstehen. Später wurden auch hier neue Setzlinge eingepflanzt.

Besonderes Augenmerk lag auf der Auswahl der Baumarten: Gepflanzt wurden ausschließlich heimische Arten, die traditionell in den Anden verbreitet sind. Diese Pflanzen sind nicht nur an das regionale Klima angepasst, sondern helfen auch den ursprünglichen Wasserhaushalt und die Artenvielfalt der Region zu erhalten. Für die Aufforstung wurden Setzlinge aus einer lokalen Aufzucht verwendet.

Wald, Wolken, Wasser…

Im Rahmen des Wiederaufforstungsprojekts wurden vielfältige heimische Baumarten gepflanzt, die sich in ihrem ökologischen Nutzen deutlich von den weit verbreiteten Monokulturen wie Eukalyptus unterscheiden. Diese lokal angepassten Arten verfügen über besondere Fähigkeiten, die wesentlich zur Stabilisierung des regionalen Wasserhaushalts beitragen. Sie kondensieren Wasserdampf aus Nebel und Wolken an ihren Blättern, wodurch zusätzliches Wasser zum Boden gelangt – ein Effekt, der als natürliche „Wolkenwasserabscheidung“ bekannt ist.

Darüber hinaus verbessern diese Bäume die Bodenfeuchtigkeit, reduzieren Erosion und unterstützen den langfristigen Erhalt natürlicher Wasserquellen wie Brunnen und Bäche. Sie schaffen ein günstiges Mikroklima für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten und tragen so nachhaltig zur Erhaltung und Harmonisierung des Wasserkreislaufs in den Anden bei.

Im Folgenden werden die wichtigsten Baumarten vorgestellt, die im Projekt hinsichtlich ökologischen Gleichgewichts und Wasserhaushalt eine zentrale Rolle spielen. Zu jeder Art finden sich der wissenschaftliche und gebräuchliche Name sowie eine kurze Beschreibung ihrer besonderen Eigenschaften und ihrer Bedeutung für das fragile Ökosystem der Anden.

Yagual

Der Yagual ist eine für die Region typische Pflanze, die eine besondere Bedeutung für die Beziehung zwischen Mensch und Natur hat. Die Bäume produzieren Sauerstoff, reinigen die Luft, fördern die Bodenfruchtbarkeit und schützen vor Erosion. Außerdem tragen sie dazu bei, Flüsse sauber zu halten, Wasser für das Grundwasser zu speichern und bieten Lebensraum für viele Tierarten. Durch diese vielfältigen Funktionen stärken sie das ökologische Gleichgewicht in den Bergen.

Piquil

Piquil wächst in der Nähe und innerhalb von Polylepis-Wäldern als dichtes Gehölz und unterstützt das Pflanzenwachstum anderer Arten. Diese heimische Art regeneriert den Nährstoffgehalt des Bodens und verbessert somit die Bodenqualität. Sie spielt eine wichtige Rolle beim Ökosystemaufbau und fördert die ökologische Vielfalt im Gebiet.

Higuerón

Higuerón ist in allen tropischen Regionen Amerikas verbreitet und wächst sowohl in feuchten als auch in trockenen Zonen Ecuadors. Die Pflanze hat eine wichtige Funktion bei der Feuchtigkeitsbindung im Boden und trägt zur Anziehung von Regen bei. Ihre Fähigkeit, die Feuchtigkeit im Boden zu halten, macht sie zu einer wertvollen Art in der Wiederherstellung der regionalen Wasserzyklen.

Tilo

Der Tilo ist in Europa, Nordwest-Afrika und Südostasien heimisch, fühlt sich aber auch in den andinen Regionen wohl. Er gedeiht in verschiedenen Bodentypen und wird häufig als natürlicher Zaun oder Schutzhecke genutzt. Seine Anpassungsfähigkeit macht ihn zu einer robusten Begleitpflanze, die zur Stabilisierung der Umgebung beiträgt.

Lupino

Diese protein- und nährstoffreiche Leguminose ist für ihre hervorragende Fähigkeit bekannt, den Boden mit Stickstoff anzureichern. Lupino dient zudem als wertvolle Nahrungsquelle für Nutztiere und ist ein wichtiger Bestandteil nachhaltiger Landwirtschaft und Wiederaufforstung.

Wachsbusch

Der Wachsbusch spielt eine wichtige ökologische Rolle im Páramo-Ökosystem, einer hochgelegenen, feuchten Graslandschaft der Anden auf etwa 3.000 bis 4.800 Meter Höhe. Im Páramo wirkt der Wachsbusch als Stickstofffixierer, kontrolliert Bodenerosion, unterstützt die Bodenregeneration und ist entscheidend für die pflanzliche Sukzession. Außerdem schützt er Flussufer und dient vielen Wildtieren als Nahrungsquelle. Durch diese Funktionen hilft der Wachsbusch, die fragile und wasserreiche Páramo-Landschaft zu erhalten und zu stabilisieren.

Aliso rojo

Diese Baumart wächst bevorzugt in feuchten Schluchten und Hängen auf Höhen zwischen 1.400 und 3.200 Metern. Aliso rojo gedeiht auch auf trockeneren, windexponierten Lagen, wenn auch mit geringerer Wuchskraft. Durch seine Anpassungsfähigkeit eignet sich der Baum gut zur Erosionskontrolle und Bodenverbesserung.

Walnussbaum

Der Walnussbaum ist bekannt für seine allelopathischen Wirkungen: Er gibt Stoffe ab, die das Wachstum konkurrierender Pflanzen hemmen, was eine natürliche Reduzierung von Konkurrenz schafft. Nogal trägt sowohl zur Stabilisierung der Vegetation als auch zur Ernährung von Tieren bei.

Cedro

Der Cedro ist ein in Mexiko und vielen Regionen Zentralamerikas heimischer Baum, der in tropischen Zonen kultiviert wird. Er kann eine Höhe von etwa 45 Metern erreichen. Seine relativ frischen, grünen Blätter verströmen ein angenehmes Aroma, das die Umgebung auf natürliche Weise beduftet und so zu einem wohligen Mikroklima beiträgt. Dieses aromatische Merkmal kann auch ökologische Funktionen erfüllen, etwa als Schutz gegen Schädlinge oder als Anziehungspunkt für bestimmte nützliche Tiere. Insgesamt bereichert der Cedro mit seiner Größe, seinem Duft und seiner vielseitigen ökologischen Bedeutung das Pflanzenbild des Aufforstungsprojektes.

Das Fazit…

Das Projekt zur Wiederaufforstung im ecuadorianischen Hochland zeigt, dass der gezielte Einsatz heimischer Baumarten einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des lokalen Wasserhaushalts und zur Stabilisierung des Ökosystems leisten kann. Die bisherigen Erfahrungen verdeutlichen, dass Anpassung an die natürlichen Bedingungen und gemeinschaftliches Engagement wertvolle Ansätze sind, um die Herausforderungen einer sich wandelnden Landschaft zu bewältigen und die Lebensgrundlage für Mensch und Natur langfristig zu stärken.

Welch engagierte und motivierte Studierende wir in der Vertiefung ‘Wasser und Verkehr’ des Bachelorstudiengangs Bauingenieurwesen haben – ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie fachliche Kompetenz und persönlicher Einsatz zusammenwirken können!

Michael Bach,
Professor für Wasserwirtschaft und Wasserbau / Auslandsbeauftrager des Studienbereichs Bauingenieurwesen
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